Wissen: Einen HTPC einrichten unter Linux

Geschrieben von Holger Luther am 01.01.2006.

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Wen nervt es nicht auf dem Wohnzimmertisch je eine Fernbedienung für den Fernseher, den Videorecorder, den DVD-Player und wer weiß, was für Geräte noch, liegen zu haben. Die preiswerte Variante ist hier die Anschaffung einer lernfähigen Fernbedienung. Die elegantere Methode ist sicherlich das Konzept eines HTPCs. Oft sind es nämlich nicht nur die Fernbedienungen, mit denen man nicht mehr weiß wohin. Auch die Geräte selber passen oft nur mit Mühe in den Wohnzimmerschrank. Darüber hinaus bietet ein HTPC einen immensen Vorteil gegenüber den Standard-Geräten: Sobald ein neuer Standard das Wohnzimmer erobert, wird der HTPC einfach um die passende PC-Komponente erweitert und schon erfreut man sich einer neuen Funktion beim Fernsehen. Dieses Erweitern ist meist preiswerter, als für jeden Standard ein neues Gerät anzuschaffen und so rentieren sich die leicht höheren HTPC-Kosten des ersten Setups schnell. Darüber hinaus bietet ein HTPC auch noch den Vorteil, dass er nahezu beliebig um neue Funktionen erweitert werden kann, in dem neue Plugins installiert werden.

Anforderungen & Auswahl der Hardware

Bevor man sich Gedanken dazu macht, welche Hardware angeschafft werden muss, was wieder verwendet werden kann und wie viel monetären Aufwand man letzten Endes aufbringen muss, sollte darüber nachgedacht werden, welchen Anforderungen der HTPC gerecht werden soll. Soll der PC zum Beispiel wie der klassische DVD-Player oder Receiver neben oder unter dem Fernseher untergebracht werden, so sollte daran gedacht werden, dass der PC nicht allzu sehr aus dem Rahmen fällt und sich ins sonstige Bild im Wohnzimmer einpasst. Zu bedenken ist auch, dass z.B. durch extrem helle LEDs oder sonstige Leuchtmittel vom Fernseh-Vergnügen ablenken kann.

Verschwindet das Gerät letztlich aber im Schrank, so kann auf kostspielige Gehäuse verzichtet werden. Dafür muss allerdings das System zur Kühlung etwas überdacht werden, denn Wärme lässt sich im Schrank bekannterweise schlechter abführen als außerhalb. Da der Schrank auch den Schall ein wenig dämmt dürfen ruhig lautere oder mehr Lüfter eingesetzt werden.

Unabhängig vom Standort fallen die Anforderungen der gewünschten Funktionen aus. Soll das komplette System später nur als reiner Receiver dienen, so reicht ein Mainboard, eine passende CPU, eine kleine Festplatte für das Betriebssystem und die Karte(n) für den TV-Empfang. Wenn der HTPC aber als echte Multimediazentrale dienen soll, und mehrere Kanäle aufzeichnen, DVDs und MP3s wiedergeben soll, dann muss schon mit etwas mehr Rechenaufwand für die CPU kalkuliert werden. Auch genügend Speicher in Form einer großen Festplatte für MP3s und Video-Material sollte eingeplant werden. Wir haben uns für ein System entschieden, dass als Twin-DVB-Satreceiver dienen und ebenfalls in der Lage sein soll DVDs und MP3s wiederzugeben. Als Basis dienen uns hierbei die Reste eines alten Aldi-PCs, die da wären:

Mainboard

Medion 3500 (MSI MS-6531)

CPU

Pentium 4 2 GHz (Northwood)

Kühlkörper

Alu-Boxed-Kühlkörper ohne Lüfter

 

 

 

 

Für den richtigen Empfang sorgen zwei DVB-S Karten (Nexus-S), die uns von Hauppauge zur Verfügung gestellt wurden. Diese Karten haben, sowohl unter Windows als auch unter Linux, sehr guten Treibersupport, sowie eine für unsere Zwecke optimale Ausstattung. Eine mitgelieferte IR-Fernbedienung und der an der Rückseite der TV-Karte integrierte Anschluss für den IR-Empfänger ersparen die Bastelei mit einem selbstgebauten oder gekauften Empfänger. Da es sich bei der Nexus-S um eine so genannte full featured DVB-Karte handelt ist ein MPEG-Decoder integriert, welcher bei der Wiedergabe von DVDs oder aufgenommenem Material die CPU entlastet.

Beim Gehäuse haben wir uns für das bereits von uns vorgestellte Ahanix MCE 601 entschieden, da es viel Platz bietet, dass System leicht kühlen lässt und außerdem schlicht und elegant zugleich ist. Das in die Front eingelassene Display bietet zudem die Möglichkeit zum Beispiel Informationen über das laufende Programm auszugeben.


in unserem Test zeichnete sich das MCE 601 bereits als HTPC-Gehäuse aus


voll gestopft mit der entsprechenden Hardware, wird der PC zur Multimediazentrale

Software

Hat man sich für die Hardware entschieden, kommt die Entscheidung für ein Betriebssystem, wobei das eventuell auch schon bei der Auswahl der Hardware berücksichtigt werden sollte. Denn was nützt die tollste Hardware, wenn sie nicht unterstützt wird. Wir wollen an dieser Stelle kurz auf die Vor- und Nachteile zweier für den HTPC geeigneter Betriebssysteme eingehen und anschließend unsere Empfehlung aussprechen. Zum einen könnte auf dem HTPC der Klassiker Windows zum Einsatz kommen. Hier profitiert man davon, dass die meisten Hersteller nur einen Treiber für Windows beilegen. Dafür muss aber eine Grafikkarte verbaut werden, um das System vernünftig bedienen und einrichten zu können. Dazu kommen die Kosten für eine Windows-Lizenz. Weiterhin muss für Windows etwas mehr Rechenleistung, Festplattenkapazität und Arbeitsspeicher eingeplant werden, da die grafische Oberfläche und darin laufende Anwendungen im Gegensatz zu unserer nächsten Option den Rechner doch um einiges mehr fordern.

Die kostengünstigere eben erwähnte Option ist eine beliebige Linux-Distribution. Diese gibt es kostenlos entweder als ISO-Image zum Download oder direkt als Web-Installation. Allerdings muss hier mit ein klein wenig mehr Aufwand bezüglich der Installation und Konfiguration gerechnet werden, da je nach Distribution noch einiges von Hand in Text-Files “eingestellt” werden muss. Dafür können wir auf eine in unserem HTPC überflüssige grafische Oberfläche verzichten und auch nur genau die Treiber und Dienste installieren und laden, die wir wirklich brauchen.

Unsere Entscheidung: Gentoo Linux

Bei vielen Distributionen muss man Abstriche bei der Modularität machen, während andere wiederum Schwächen bezüglich der Konfigurationsmöglichkeiten offenbaren, da das Paketmanagement empfindlich in die Konfiguration mit eingreift und ungefragt Parameter ändert, die man vorher per Hand eingetragen hat. Die meisten Möglichkeiten hat man immer noch wenn man sich sein Linux selber zusammenstellt und kompiliert. Hier ist jedoch wieder übermäßig viel Handarbeit nötig.

Gentoo Linux verbindet die Möglichkeit sein System genau auf die vorhandene Hardware maßzuschneidern mit einem Paketmanagement und einer übersichtlichen Konfiguration. Es ist durch das Setzen weniger Parameter möglich das Paketmanagement anzuweisen nur die wirklich benötigten Komponenten (Libraries) einzubinden und damit ein sehr performantes System zu erhalten. Dazu wird das System von Grund auf (durch das Paketmanagement automatisiert) kompiliert und somit auf den Prozessor und dessen Möglichkeiten und Features angepasst. Es ist jedoch zu bedenken, dass durch das Kompilieren der Pakete mit einem relativ hohen Zeitaufwand gerechnet werden muss, den man aber durchaus mit anderen Tätigkeiten überbrücken kann, da User-Input während des Kompilierens nur selten vonnöten ist. Letztlich verfügt Gentoo-Linux noch über eine sehr simple Methode zum Update seiner sehr aktuellen Pakete.

Installation

Da eine ausführliche Installationsanleitung des Basis-Systems den Rahmen eines HTPC-Projektes sprengen würde, möchten wir an dieser Stelle auf die Homepage von Gentoo verweisen. Dort gibt es eine sehr ausführliche und sogar für Linux-Einsteiger verständliche Anleitung um schnell zu seinem Wunschsystem zu gelangen. Für unser Vorhaben haben wir eine Stage 1 Installation für das Grundsystem gewählt. Von dieser Installation werden wir hier ausgehen. Wer eine andere Distribution gewählt hat oder bereits einen PC mit Linux einfach um DVB-S nachrüsten möchte, der muss damit rechnen, dass sich Konfigurationsdateien an anderen Orten befinden oder leicht anders aufgebaut sind.

Abweichend von der Grundinstallation haben wir unseren Kernel komplett ohne Module und nur mit den für uns nötigen Treibern und Funktionen konfiguriert. Die zu unserer Hardware-Komposition passende Konfigurationsdatei kann hier heruntergeladen werden. Sie muss nach “/usr/src/linux/.config” kopiert werden und kann dann, nach Wechsel in dieses Verzeichnis, mit “make menuconfig” angepasst werden. Wer Probleme mit dem setzen seiner USE-Flags hat oder sich nicht entscheiden kann, was er wirklich braucht oder nicht, dem sei ein Blick in unsere make.conf ans Herz gelegt.
Da einige der Pakete für spätere Plugins im stabilen Gentoo relativ alt oder gar nicht vorhanden sind, binden wir zusätzlich die Quellen von gentoo.de ein. Auch hierzu gibt es bei Gentoo-Wiki ebenfalls eine ausführliche Anleitung. Anschließend müssen noch einige Pakete “freigeschaltet” werden und einige Abhängigkeiten geklärt werden. Dazu haben wir zwei Konfigurationsdateien (package.use, package.keywords) bereitgestellt, welche nach /etc/portage kopiert werden müssen. Darauf folgt dann ein “emerge vdr vdrplugin-rebuild vdr-remote” und nach einer Kompilationsphase wäre VDR theoretisch einsatzbereit, wenn da nicht noch die Konfiguration desselben wäre. Kümmern wir uns als erstes um die Senderliste (channels.conf). Eine für Astra ausgelegte Liste kann hier heruntergeladen werden und muss dann nach /etc/vdr/ kopiert werden. Ebenso muss mit der Konfiguration der Fernbedienung verfahren werden, wobei wir ausdrücklich die eigene Kalibrierung der Fernbedienung beim ersten Start von VDR empfehlen.

Wird, wie in unserem Fall, die Fernbedienung der Hauppauge Nexus-S verwendet, so müssen ihre Signale erst dem System bekannt gemacht werden. Dazu wird ein Paket benötigt, welches heruntergeladen und in einem beliebigen Ordner (Empfehlung: /usr/local/share ) mit “tar -xjf loadkeys.tar.bz2” entpackt werden muss. Anschließend muss dafür gesorgt werden, dass die Signale der Fernbedienung zumindest bei jedem Neustart des Systems erneut geladen werden. Im Folgenden integrieren wir einen Aufruf, der dies erledigt in das Start-Script des VDR. Dazu muss dieses mit “nano -w /etc/init.d/vdr” geöffnet werden.
Dort suchen wir dann nach folgenden Zeilen

start() {
einfo „Preparing start of vdr:“
getvdrversion

und fügen darunter zwei weitere Zeilen ein:

chmod 666 /dev/input/event0
/usr/local/share/av7110_loadkeys/av7110_loadkeys

/usr/local/share/av7110_loadkeys/a415-HPG.rc5 > /proc/av7110_ir

Dabei muss jedoch beachtet werden, dass in der ersten der beiden Zeilen, je nach dem ob noch eine Tastatur am HTPC hängt oder nicht das “event0” auch “event1” sein kann. An dieser Stelle muss ein wenig probiert werden. Sollte der VDR nicht starten, dann sollte dieser Punkt kontrolliert werden.
Bevor es jetzt losgehen kann muss noch das Plugin zur Bedienung des VDR via Fernbedienung eingebunden werden. Dazu wird mit “nano -w /etc/conf.d/vdr” die Startkonfiguration des VDR geöffnet und in der Zeile, die mit PLUGINS=” beginnt das Remote-Plugin aktiviert, indem in die Gänsefüßchen das Wort “remote” eingefügt wird.

Danach kann der vdr mit /etc/init.d/vdr start gestartet werden und im Ideal-Fall sollte bei korrektem Anschluss der Verbindungen von der DVB-Karte zum Fernseher das Bild des VDR erscheinen und man kann den VDR via “rc-update add vdr default” als Standard-Service beim Bootvorgang starten lassen um ihn nicht immer wieder manuell starten zu müssen. Sollte diese Anleitung nicht zum Erfolg geführt haben, bieten wir in unserem Forum in einem dem HTPC gewidmetem Bereich Unterstützung an und versuchen so gut es geht mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Bedienung

Bedient wird der HTPC bzw die Software “VDR” von nun an mit der Fernbedienung, wobei die wichtigsten Tasten die Menütaste sowie das Navigationskreuz sind. Damit kann von Aufnahmen bishin zur Senderlistensortierung alles kontrolliert werden. Tiefergehende Konfigurationsmaßnahmen werden über ein sehr übersichtliches und intuitiv zu bedienendes Menü vorgenommen.

Hauptmenü Senderliste
Kurzinfo EPG (Electronic Program Guide)


Aufgenommene Sendungen

Da immer wieder neue Features und Sicherheitspatches implementiert werden, empfiehlt es sich das System ab und an auf den neuesten Stand zu bringen. Dazu reicht bei unserem System ein einfaches “gensync gentoo-de && emerge –sync && emerge –update –deep world -av” wobei das “-av” bewirkt, dass das System vor der eigentlichen Installation der aktualisierten Pakete anhält, angibt, was installiert wird und nachfragt ob wirklich installiert werden soll. Anschließend müssen evtl. noch einige Konfigurationsdateien auf Vordermann gebracht werden. Dazu genügt ein Aufruf von “etc-update”. Allerdings sollte darauf geachtet werden, dass keinerlei Modifikationen, die wir in den Konfigurationen gemacht haben geändert werden, bzw. dass diese Änderungen nach einem Update wieder vorgenommen werden.

Schlusswort

Statt eines sonst üblichen Fazits wollen wir an dieser Stelle erst einmal zu dem Mut gratulieren, etwas neues ausprobiert zu haben. Nun steht unter dem Fernseher ein nahezu beliebig ausbaubares Entertainment-System. Sollte diese kleine Einführung auf reges Interesse stoßen, so wird in Zukunft sicherlich einiges mehr zu diesem Thema auf Allround-PC.com zu lesen sein. In Planung ist eine kleine Einführung in die Installation von VDR-Modulen, sowie deren Konfiguration.


So könnte die Multimediazentrale aussehen

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