Die Nothing ear (1) sind das erste Produkt vom Start-up des OnePlus-Co-Gründers Carl Pei. Ein transparentes Design ist das Hauptmerkmal der TWS-Kopfhörer mit ANC und die Werbekampagne erregte Aufsehen. Werden die In-Ear-Kopfhörer für 99 Euro im Test dem Hype gerecht oder war es viel Wirbel um Nichts?

Übersicht

Nachdem Carl Pei gemeinsam mit Pete Lau die Smartphone-Marke OnePlus gründete und ihr innerhalb weniger Jahre zu einer ernstzunehmenden Marktposition verhalf, wendete er sich im Herbst 2020 einem neuen Projekt zu. Pei schuf das Start-up Nothing und holte namhafte Investoren wie etwa den Erfinder des Apple iPod, den YouTuber Casey Neistat sowie die Mitbegründer von Reddit und Twitch ins Boot. Ziel des Unternehmens sei, für frischen Wind in der Tech-Welt sorgen. Der frühere Marketing-Erfolg des 31-jährigen Carl Pei brachte extrem viele Finanzierungsgelder in die Nothing-Kasse: 15 Mio. USD von Google Ventures, 7 Mio. USD von den großen Privatinvestoren und durch eine öffentliche Crowfunding-Aktion kamen innerhalb knapp einer Minute 1,5 Mio. USD zusammen.

Im Juli erschienen daraufhin in begrenzter Menge auf der Webseite von Nothing die zuvor groß angekündigten True-Wireless-Kopfhörer namens Nothing ear (1). Der offizielle Verkauf folgte bei Nothing und ausgewählten Händlern am 17. August. Die kabellosen In-Ears kosten 99 Euro* und sollen abseits des auffälligen Designs mit ANC, Wireless Charging und ausgeglichenem Klang bezaubern. Zu diesem Preis konkurrieren sie beispielsweise mit den Huawei FreeBuds Pro (Test), Soundcore Liberty Air 2 Pro, Libratone Track Air+, Samsung Galaxy Buds+ und Sennheisers Momentum True Wireless. Optisch ist auch die Positionierung gegen die rund 200 Euro teuren Apple Air Pods Pro unverkennbar.

Zum Testzeitpunkt sind die In-Ears von Nothing ausverkauft und nirgends in Deutschland verfügbar. Einzig bei Amazon* lassen sie sich noch vorbestellen. Sie stechen äußerlich aus der Masse hervor, aber können sie sich in der Praxis behaupten?

Lieferumfang

  • Nothing ear (1)
  • Etui mit integriertem Akku
  • Ladekabel (USB-C)
  • Silikonaufsätze (drei Paare insgesamt)
  • Schnellstartanleitung

Design & Tragekomfort

Das durchsichtige Design des Etuis sowie der Ohrhörer sind eindeutig eine Besonderheit auf dem Markt. Es erfordert ein gewisses Maß an Liebe zum Detail und macht die Konstruktion aufwendiger, da der Hersteller innen nicht viel mit Kleber kaschieren kann. Übrigens bietet JBL mit den Tune 225 TWS Ghost ebenfalls In-Ears in einer transparenten Aufmachung an. Ob einem die Optik gefällt, hängt natürlich vom eigenen Geschmack ab. Auf uns wirkte der Look besonders schick und ausgefallen – eine willkommene Abwechslung von den immer gleich aussehenden Stängeln in Schwarz oder Weiß mit Zahnseide-Etui.

Wir haben während des Tests auch Bekannte auf das Design angesprochen und bekamen meist ein “Wow” oder ein skeptisches “sieht aus wie ein Spielzeug” zu hören. In der Praxis fiel schnell auf, dass das Etui besonders anfällig für Kratzer ist. Ob das Gehäuse und die Ohrhörer mit der Zeit so transparent bleiben oder sie durch UV-Strahlung vergilben, bleibt abzuwarten.

Die In-Ears wiegen jeweils nur 4,7 Gramm und das Etui bringt 57,4 Gramm auf die Waage. Letzteres ist etwas größer als vergleichbare Ladeschalen, passt aber weiterhin problemlos in eine Hosentasche. Die Ohrhörer tragen nicht sonderlich auf und sind ähnlich wie AirPods Pro geformt. Sie halten Schweiß und Spritzwasser gemäß IPX4 stand, womit sie sich auch für Sport eignen.

Der Tragekomfort ist gut und die Nothing ear (1) halten tadellos. Auch nach mehreren Stunden fielen sie nicht störend auf. Eventuell könnten manche jedoch nicht die optimale Passform der Silikonaufsätze finden, da nur drei unterschiedliche Größen geboten werden. Beispielsweise die Soundcore Liberty Air 2 Pro (Test) haben neun unterschiedliche Paare im Lieferumfang.

Akkulaufzeit

Offiziell halten die Nothing ear (1) bis zu fünf Stunden am Stück ohne aktive Geräuschunterdrückung durch, mit ANC vier Stunden. Durch die Ladeschale verlängert sich die Gesamtwiedergabezeit auf bis zu 34 Stunden beziehungsweise 24 Stunden mit ANC. Die vierstündige Laufzeit mit ANC können wir bestätigen. Insgesamt ist die Akku-Ausdauer der Kopfhörer vergleichsweise unterdurchschnittlich, doch unserer Einschätzung zufolge halten sie trotzdem ausreichend lange durch. Nach zehn Minuten im Etui kann man wieder für knapp eine Stunde mit aktiver Geräuschunterdrückung Musik hören.

Erfreulicherweise unterstützt das Etui Schnellladen. Laut Herstellerangabe genügt ein zehnminütiger Ladevorgang über USB-C bereits für sechs Stunden ANC-Betrieb. Alternativ lässt es sich per Qi-Standard auch induktiv mit Strom versorgen. Pro Ohrhörer gibt es 31 Milliamperestunden, der Akku im Etui bietet 570 Milliamperestunden.

Software & Bedienung

Die Kopplung erfolgt bei Android-Smartphone in Windeseile via Googles Fast-Pair-Dienst und ist vergleichbar mit der Einrichtung von AirPods bei iPhones. Dabei kann direkt die zugehörige App namens ear (1) installiert werden. Sie ist spartanisch gehalten und zeigt den Akkustand der einzelnen In-Ears sowie des Etuis an. Bei neueren Android-Smartphones befindet sich diese Information allerdings auch stets in der Benachrichtigungsleiste. Die Geräuschunterdrückung lässt sich in zwei Stufen anpassen (leicht, maximal).

Zudem sind vier Equalizer-Presets vorhanden, die für mehr oder weniger Bass beziehungsweise Höhen sorgen. Weitere Klanganpassungen oder gar ein benutzerdefinierter Equalizer bietet die App leider nicht. Des Weiteren können die Kopfhörer bei bestehender Bluetooth-Verbindung durch laute Töne geortet werden und die App versorgt sie gegebenenfalls noch mit Firmware-Updates.

Abschließend ist es möglich, die Aktionen der Earbuds bei dreifachem Tippen oder Gedrückthalten zu ändern: möglich ist allerdings nur Springen zum nächsten bzw. vorherigen Lied oder Aktivierung des ANC- bzw. Transparenzmodus. Ein Doppeltipp startet oder pausiert stets die Musikwiedergabe. Streichen über den Stiel eines Ohrhörers passt die Lautstärke an. Letzteres ist eine Seltenheit und im Alltag sehr praktisch, da man sich den Griff zum Smartphone erspart.

Automatisches Pausieren und Starten der Musik unterstützen die Nothing ear (1) auch, doch mangels zusätzlicher Sensoren funktionierte dies in der Praxis eher schlecht als recht. Gleichzeitiges Pairing mit zwei Geräten ist leider nicht möglich, allerdings lassen sich die In-Ears unabhängig voneinander nutzen. Zuweilen traten im Testzeitraum Steuerungsprobleme auf, wo mindestens einer der Ohrhörer nicht auf Berührungseingaben reagierte, bis man ihn wieder ins Case gelegt und neu verbunden hatte.

Klangqualität & Noise Cancelling

Die 11,5 Millimeter großen Audiotreiber wurden vom schwedischen Unternehmen Teenage Engineering optimiert und weisen eine Graphen-Membran auf. Sie funken mit Bluetooth 5.2 und verwenden entweder AAC oder SBC – hochauflösende Codecs wie aptX oder gar LDAC unterstützen die ear (1) nicht. Die Gesprächsqualität bei Telefonaten würden wir in stillen Umgebungen als solide und in lauten Umgebungen als unterdurchschnittlich bezeichnen. Insgesamt sind pro Ohrhörer drei Mikrofone vorhanden.

 

Der Klang kann für den Preis überzeugen, hebt sich jedoch nicht hörbar von der Konkurrenz ab. Werksseitig sind die Tiefen und Höhen leicht verstärkt, was auf viele In-Ears zutrifft und der breiten Masse gefallen dürfte. Die Dynamik ist solide, teurere Alternativen wie die Bose QuietComfort Earbuds und Sonys WF-1000XM4 spielen aber in einer anderen Liga. Luft nach oben sehen wir bei der Qualität der Höhen, knackig und präzise hören sich wiederum die Tiefen an.

Nennenswerte Unterschiede in der Klangcharakteristik konnten wir beim Wechseln zwischen passiver, aktiver Geräuschunterdrückung und des Transparenzmodus nicht feststellen. Das ANC-Niveau ist durchschnittlich, denn die Kopfhörer filtern tiefe und konstante Frequenzen gut heraus, nur schrille Töne sowie Stimmen dringen nahezu ungedämpft durch. Die Geräuschunterdrückung der Liberty Air 2 Pro ließ die Außenwelt noch etwas besser verschwinden. Schlecht schneiden die Nothing ear (1) diesbezüglich trotzdem nicht ab.

Fazit

Zusammengefasst sind die Nothing ear (1) nichts Außergewöhnliches. Das Gesamtpaket passt, denn der Tragekomfort ist gut und Funktionen wie Wireless Charging sowie ANC sind in dieser Preisklasse noch nicht selbstverständlich. Die aktive Geräuschunterdrückung funktioniert in der Praxis solide, kann Marktführern jedoch keineswegs das Wasser reichen. Die vergleichsweise niedrigere Akkulaufzeit ist zu vernachlässigen, sofern man sie nicht während eines längeren Fluges dauerhaft in den Ohren behalten möchte.

Stimmig fällt auch der Klang aus, wenngleich Audiophile weiterhin deutlich mehr Geld ausgeben oder zu Over-Ear-Kopfhörern tendieren sollten. Dem starken Marketing-Hype werden die Nothing ear (1) nicht wirklich gerecht. Letztendlich handelt es sich um gute In-Ears, die sich nicht wirklich von der gleich teuren Konkurrenz abheben können. Bestellbar sind sie derzeit bei Amazon für knapp 100 Euro*.

Pro

  • sehr leicht und angenehm im Ohr
  • solider Klang
  • auffälliges Design
  • Schnellladen und kabelloses Laden

Contra

  • kein Multi-Pairing
  • hochauflösende Codecs fehlen
  • Equalizer kaum anpassbar
  • ANC nur durchschnittlich

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