Test: Android Automotive OS im Polestar 2 – dem Google-Auto

Das volle Google-Erlebnis im Auto?

Google setzt Android nicht nur auf Smartphones und Tablets ein, mittlerweile findet sich das Betriebssystem auch in Autos wieder. Der Polestar 2 ist dabei das erste Fahrzeug mit Android Automotive OS. Doch, was hat das Google-System im Auto zu bieten? Und kann es in der Praxis überzeugen? Wir haben uns hinter das Steuer des Polestar gesetzt und ein paar Roadtrips gemacht.

Ab und an schauen wir gern mal über den Tellerrand hinaus und testen Technik, die sonst nicht so häufig in unserem Review-Spektrum zu finden ist. Eine Woche lang Polestar 2 fahren hat uns jedoch nicht nur Erfahrungen zu Android Automotive OS ermöglicht, sondern erstmalig auch das reine Elektroauto-Erlebnis. Doch in diesem Artikel wollen wir uns auf „AAOS“ fokussieren, ein spannendes Betriebssystem für das Infotainment im Auto.

Android Auto ist nicht Android Auto

Zunächst ist wichtig: Android Automotive OS ≠ Android Auto. Denn obwohl beide Systeme viele Gemeinsamkeiten haben, so ist das eine als festes System im Fahrzeug vorinstalliert und das andere nur in Kombination mit einem Smartphone nutzbar. Doch neben dem Polestar 2 gibt es AAOS (die Kurzform von Android Automotive OS) mittlerweile auch in anderen Fahrzeugen, vorwiegend bei Volvo – beide Marken gehören mittlerweile zu Geely, einem chinesischen Autohersteller. Der neue Renault Mégane E-Tech Electric setzt ebenfalls auf Android für Autos. Mit Ford, Honda und Stellantis planen noch weitere Marken die Einführung in naher Zukunft.

Erstmals vorgestellt wurde AAOS bereits im Jahr 2017, damals wurden noch Audi und Volvo als erste Kunden genannt. Was damals in Version 9 an den Start ging, ist mittlerweile bei Version 11 angekommen. Im Fokus von Android Automotive OS stehen eine schnelle Bedienung, ein übersichtliches Design, direkt integriertes Google Maps und weitere Apps über den Google Play Store. Die Frage ist nur: Verspielt Google womöglich zu viel Potenzial im Vergleich zu Android Auto und Apple Car Play?

Polestar 2: Das Google-Auto

Schauen wir uns fix noch an, was der Polestar 2 eigentlich so auf dem Kasten hat, bzw. unter der Haube. Für unseren Test haben wir die Long Range Single Motor Variante erhalten, die über einen 78 kWh großen Akku und einen 170 kW starken Motor (Frontantrieb) verfügt. Hier die drei verfügbaren Varianten:

  • Standard Range Single Motor: 69 kWh Akku (~445-478 km), 170 kW (231 PS, Frontantrieb, max. 160 km/h, 0-100 km/h in 7,4 sek.)
  • Long Range Single Motor: 78 kWh Akku (~515-551 km), 170 kW (231 PS, Frontantrieb, max. 160 km/h, 0-100 km/h in 7,4 sek.)
  • Long Range Dual Motor: 78 kWh Akku (~455-487 km), 300 kW (408 PS, Allradantrieb, max. 205 km/h, 0-100 km/h in 4,7 sek.)

Das Design des Polestar 2 ist, wie wir finden, sehr gelungen. Vor allem der Rücklichtbalken mit Lichtsignatur sowie das frontseitige Tagfahrlicht mit „Thors Hammer“ Design fallen auf. Dazu gibt es rahmenlose Außenspiegel und in Wagenfarbe lackierte Logos, wodurch der Wagen besonders in Weiß eine sehr minimalistische Front erhält. Auf die Batterie gibt es 8 Jahre bzw. maximal 160.000 Kilometer Garantie. Im Inneren erwartet euch ab Werk zudem ein 250 Watt Soundsystem mit acht Lautsprechern.

Zur Basisvariante, die aktuell bei 44.725 Euro UVP (Stand 24. Juni 2022) beginnt, lassen sich neben den Akku- und Motor-Upgrades noch weitere, optionale Pakete dazu buchen. So unter anderem das Pilot Lite Paket mit 360° Rundumsicht, adaptive Geschwindigkeitsregelung und Spurwechselassistent. Das Plus-Paket umfasst z.B. ein Panoramaglasdach, Harman Kardon Soundsystem, eine Wärmepumpe und Wireless Charging für das Smartphone. Für etwas mehr Leistung gibt es das Performance-Paket mit einem Upgrade auf 476 PS, 20″ Felgen, Brembo Vierkolben-Bremsen, Öhlins Stoßdämpfer und goldenen Sicherheitsgurten.

Was genau ist Android Automotive OS überhaupt?

Kommen wir nun zum eigentlichen Thema: Android Automotive OS. Als festes Betriebssystem übernimmt die Software neben der Steuerung von Musik oder der Navigation über Google Maps auch grundlegende Fahrzeugfunktionen wie die Regelung der Klimaanlage, das Anpassen des Lenkgefühls oder Einstellen bestimmter Assistenzsysteme. Speziell für das Format eines Elektroautos stehen natürlich noch weitere Einstellungsmöglichkeiten zur Verfügung, so beispielsweise für das One Pedal Driving oder Aufladen.

Wenn ihr ein Fahrzeug mit AAOS bekommt und erstmalig startet, ist eine kurze Einrichtung nötig – so wie bei einem Smartphone. Allerdings ist diese schon nach wenigen Schritten und innerhalb weniger Minuten erledigt. Ein Google-Konto ist dabei nicht zwingend notwendig, aber durchaus sinnvoll. Das Radio oder Google Maps lassen sich auch ohne ein hinterlegtes Konto nutzen, doch für die Installation weiterer Apps aus dem Play Store kommt ihr nicht drumherum.

Ganz grundlegend lassen sich allerdings auch Profile hinterlegen. Das Admin-Konto kann alle Einstellungen anpassen, für Gäste lässt sich zum Beispiel ein zweites Profil hinterlegen. Ein eher kleines, aber durchaus wichtiges Merkmal: Android Automotive OS ist nie wirklich aus, sondern schlummert im Stand-by. Wenn ihr also in den Polestar 2 einsteigt, ist das System direkt da – ganz ohne Wartezeit oder langes Booten.

Layout & Design

Android Automotive OS hat eine sehr übersichtliche und leicht zu erlernende Oberfläche. Wie bei Smartphones auch, gibt es an der oberen Kante eine Art Statusleiste mit der Uhrzeit und Icons für LTE, Standort sowie Bluetooth. Wer möchte, kann auch eine Benachrichtigungsleiste herunterziehen, doch diese ist aktuell eher noch überflüssig.

Direkt darunter sitzt eine Leiste mit vier Symbolen, die euch durch verschiedene Menüs und Funktionen führen: Kamera (Rückfahrkamera), Auto (Fahrzeugeinstellungen), Kacheln (App-Übersicht) und „Buchstabe“ (Profil). Je nach ausgewähltem Menü sitzen am unteren Rand noch die Einstellungen für Klimaanlage und Sitzheizung oder drei Icons für die Einstellungen, den Play Store und das Handbuch.

Rückfahrkamera

Das Kamera-Icon öffnet die Rückfahrkamera, welche beim rückwärts Einparken automatisch geöffnet wird. Das Fahrzeug-Icon bringt euch in diverse Fahrzeugeinstellungen, z.B. für das Lenkgefühl, den One Pedal Drive oder den Sport-Modus ohne ESC.

App-Übersicht

Über die vier Kacheln, die dem Microsoft-Logo etwas ähneln, kommt ihr zur App-Übersicht. Diese ist in vier größere Kacheln und somit auch Kategorien unterteilt: Navigation (oben links), Assistenz (oben rechts), Telefon (unten links) sowie Musik, Video & Browser (unten rechts). Die zuletzt genutzte App wird in jedem der vier Felder immer zuerst angezeigt. Die drei Punkte unter den Apps dienen, wie beim Android-Smartphone auch, zum Umschalten auf die nächste/vorherige Seite – werden jedoch erst aktiv, wenn mehr als sechs Apps in einer Kachel vorhanden sind.

Euer Profil

Zu guter Letzt befindet sich noch der erste Buchstabe eures Namens, bzw. eures Profils, in der oberen Leiste. Wenn ihr dort draufdrückt, kommt ihr zu euren Profileinstellungen und könnt z.B. ein Gastprofil anlegen. Zudem lässt sich der Schlüssel mit diesem Profil verbinden und einer Bildschirmsperre einrichten.

Startbildschirm

Darüber hinaus bietet AAOS auch einen Startbildschirm, der sich über die dezente, weiße Touchleiste unter dem Bildschirm aufrufen lässt. Dort erwarten euch erneut vier Kacheln, doch dieses Mal mit einer direkten App-Verknüpfung. Die Verteilung ist jedoch sehr ähnlich zur App-Übersicht, hier wird dann allerdings die zuletzt geöffnete App angezeigt.

Der Startbildschirm mit seinen vier Kacheln.

Von Vorteil sind kleinere Steuerelemente oder Funktionen, so z.B. die Mediensteuerung bei Spotify oder die Suche nach einer Ladesäule in Google Maps. Am unteren Rand wird dann die Steuerung für die Klimaanlage, Belüftung und Sitzheizung angezeigt.

Google Maps und Ladeplanung

Zur Navigation setzt AAOS, wie sollte es anders sein, auf Google Maps. Ein schnell veraltetes Kartensystem, wie es sonst bei anderen Fahrzeugen oftmals der Fall ist, wird so direkt umgangen. Zudem werden die Karten immer wieder aktualisiert, was auch für neue Ladepunkte wichtig ist.

Die Ladeplanung, besonders wichtig bei längeren Reisen, wird auch direkt über Google Maps gelöst. Ist das Ziel mal weiter weg, als die Restreichweite im Akku ermöglicht, kann Maps automatisch passende Stopps zum Aufladen hinzufügen. Hierbei wird nicht nur der Ladepunkt selbst angezeigt, sondern auch mit wie viel Restkapazität wir voraussichtlich eintreffen und wie lange wir für den Weg zum nächsten Ladepunkt aufladen müssten.

Je nach Ladepunkt werden auch einige Details zur Leistung und Anzahl der (freien) Säulen angezeigt. Des Weiteren wird, sofern an Google kommuniziert, über unterstützte Anbieter (z.B. EnBW mobility+, etc.) informiert. Sollet ihr einfach so nach einer Lademöglichkeit suchen, bietet Maps hierfür ein kleines Icon unter dem Suchfeld – dann werden umliegende Ladepunkte angezeigt.

Leider nutzt Google den Platz des doch recht großen Bildschirms nicht voll aus. So werden bei der Suche maximal neun Ergebnisse angezeigt, mehr nicht. Zudem werden lange Ergebnisse oft mit „…“ abgeschnitten, etwas unschön. Ihr solltet also sehr präzise suchen oder wissen, wie der Ort heißt. Alternativ, sofern ihr euer Google-Konto verbunden habt, könnt ihr den Ort auch am Smartphones suchen – dann sollte das Ergebnis auch bei AAOS in Maps auftauchen.

Praktisch: Als Alternative zu Google Maps lässt sich übrigens auch „A Better Routeplaner“ (kurz ABRP) nutzen.

Play Store

Über den Play Store könnt ihr weitere Apps herunterladen und installieren, so wie auch beim Smartphone oder Tablet. Allerdings sind derzeit nur knapp über 30 Apps verfügbar, was nicht ganz dem sonstigen Angebot des Play Store entspricht. Im Fokus liegen hier vor allem Multimedia- und Streaming-Apps wie z.B. YouTube Music oder TuneIn Radio.

Eine Auswahl an Spielen oder beliebte Anwendungen wie YouTube, Netflix und Amazon Prime Video fehlen dagegen. Auch Messaging-Apps wie WhatsApp & Co. sind im Play Store für AAOS (noch) nicht vorhanden. Zwar ist das System primär zum Infotainment und nicht Entertainment gedacht, doch längere Ladepausen ließen sich damit etwas angenehmer gestalten.

Die einzige Alternative: Den vorinstallierten Vivaldi-Browser nutzen und dort YouTube, Netflix & Co. über dessen Webseite genießen. Der Polestar-eigene Videoplayer fokussiert sich (leider) auf Nachrichten von Tagesschau, N-TV etc.

Google Assistant

Was darf in unserem smarten Leben und somit auch einem modernen Auto nicht mehr fehlen? Na klar, ein Sprachassistent – in diesem Fall der Google Assistant. Aufrufen lässt sich der smarte Begleiter entweder per Knopfdruck am Lenkrad, Aufrufen am Bildschirm oder klassischem „Hey Google“.

Neben eher klassischen Anfragen zum Wetter, eurer Einkaufsliste oder smarten Gadgets zu Hause kann der Google Assistant auch Auto-spezifische Dinge anpassen – z.B. beim Musikhören oder der Klimaanlage. Allerdings beschränkt Google den Sprachassistenten verständlicherweise in dieser Hinsicht auch etwas. Funktionen wie den Tempomat, die Scheinwerfer, einen Blinker oder die Kofferraumklappe lassen sich nicht per Sprachkommando steuern.

Bedienung & Hardware

Im Polestar wird Android Automotive OS auf dem mittig sitzenden Hauptdisplay ausgeführt. Der 11,15 Zoll große Bildschirm löst mit 1.536 x 1.152 Pixel hoch genug auf und lässt sich, wie sollte es auch anders sein, per Toucheingabe bedienen. Wie wir es von Android kennen, gibt es sogar einen Homebutton: Eine dezente, weiße, touchsensitive Linie unter dem Display führt zum Startbildschirm.

Ein paar physische Bedienelemente sind aber dennoch mit an Bord, was wir tatsächlich sehr begrüßen. So lässt sich die Lautstärke über einen Drehregler anpassen, der gleichzeitig auch als Play/Pause-Button dient. Alternativ lässt sich beides auch direkt am Lenkrad steuern. Direkt dahinter ist übrigens eine Ablage für euer Smartphone zu finden. Dort, falls optional dazu gebucht, kann euer Gerät kabellos aufgeladen werden. Alternativ stehen noch zwei USB-C-Anschlüsse zur Verfügung. Auch im Fond, also für die hinteren Sitze, gibt es USB-C-Anschlüsse zum Laden.

Das Cockpit setzt auf ein 12,3 Zoll großes Display, welches allerdings ein eigenes Betriebssystem mit Tachometer, Assistenzsystemen etc. nutzt. Bei Bedarf kann hier jedoch auch Google Maps dargestellt werden, damit ihr beim Fahren nicht auf das Hauptdisplay schauen müsst.

Unter der Haube arbeitet ein Intel Atom-Prozessor der A3900er-Familie. Der 14 nm Chip nutzt die Apollo Lake Architektur und ist speziell auf den Automotive-Bereich ausgelegt. Das System ließ sich damit stets flüssig und ohne große Verzögerungen bedienen, nur in seltenen Fällen war ein kleiner Lag zu spüren. Die Leistung des Chips ist daher mehr als ausreichend, freie Reserven scheinen aber auch nicht wirklich übrig zu sein.

Bei Tesla mit AMD-Prozessor inklusive RDNA2-Grafikeinheit oder Mercedes mit Nvidia-Chips fällt die Rechenleistung deutlich höher aus, doch hier ist der Entertainment-Faktor auch um einiges größer bzw. die Animationen und Anwendungen u.a. grafikintensiver – Stichwort: Tesla-Pupskissen.

Software-Updates bekommt der Polestar 2 „over the Air“, ihr müsst also nicht etwa einen USB-Stick einstecken oder erst zum Händler düsen. Das Datenvolumen zur Internetverbindung ist in den ersten drei Jahren inkludiert – was danach passiert, ist unklar.

Fazit

Das Google-Betriebssystem fürs Auto, Android Automotive OS, konnte uns in der 1-wöchigen Probefahrt mit dem Polestar 2 sowohl positiv überraschen als auch leicht enttäuschen. Google hat eine solide Basis geschaffen, die bereits für weitere Entwicklungen ist und noch viel Potenzial bietet. Gegenüber Hersteller-eigenen Systemen anderer Autobauer kann AAOS besonders drei Eigenschaften wunderbar ausspielen: Immer aktuelle Karten von Google Maps, den smarten Google Assistant sowie eine gute Auswahl an Musik-Streaming-Apps.

Allerdings ist das weitere App-Angebot über den Play Store selbst zwei Jahre nach Marktstart des Polestar 2 noch sehr eingeschränkt. Hier sollte Google die eigenen Stärken nutzen, das üppige App-Ökosystem öffnen und fehlende Funktionen hinzufügen. Auch wenn sich Android Automotive OS primär auf Infotainment statt Entertainment fokussiert, wären zumindest Videostreaming-Apps wie Netflix, Prime Video & Co. ein angenehmer Zeitvertreib während längerer Pausen an der Ladesäule. Zudem vermissen wir Features, die selbst Android Auto über das Smartphone in diverse Fahrzeuge überträgt. Darunter das Vorlesen und Beantworten von WhatsApp-Nachrichten durch den Google Assistant.

Der große Bildschirm in der Mitte in Kombination mit dem digitalen Cockpit gefallen jedoch. Inhalte sind gut ablesbar, das Layout ist aufgeräumt und Menüs sind übersichtlich gestaltet. Es braucht zwar eine gewisse Eingewöhnung, doch wir kamen bereits in wenigen Tagen mit dem System wunderbar klar. Etwas mehr Anpassbarkeit und ein paar Optimierungen bei der Darstellung würden AAOS jedoch guttun. Vor allem hinsichtlich der Displaygröße bzw. dem Displayformat, zum Beispiel bei Suchergebnissen in Google Maps oder der Kachelansicht.

Richtig spannend wird es, wenn Apple mit CarPlay schon nächstes Jahr einen direkten Konkurrenten an den Start bringen wird. Google sollte also Hand anlegen und das System stärken, denn es könnte so viel mehr, als es aktuell imstande ist. Denn wir stellten uns oft die Frage: Warum nicht Android Auto oder Apple CarPlay über das Smartphone nutzen?


Mit * markierte Links sind Affiliate-Links. Mit dem Kauf über diesen Link erhalten wir als Seitenbetreiber eine Verkaufsprovision ohne, das du mehr bezahlst.
Leonardo Ziaja ... ist vor allem für die Bereiche Smartphones und Mobile zuständig, testet aber auch andere Hardware-Highlights wie Gehäuse, Prozessoren und Mainboards. Darüber hinaus sorgt er für hochwertige Bilder in unseren Testberichten.

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.